Air-Berlin-Pleite: Geld erst in zehn Jahren

| Insolvenzverwalter Lucas Flöther über Milliarden-Forderungen und die Rückzahlung des KfW-Kredits.

Rostock/Berlin. Die Insolvenz von Air Berlin ist eines der komplexesten Insolvenzverfahren der Nachkriegsgeschichte bundesweit. Heute und am Donnerstag finden die ersten Gläubigerversammlungen der Air-Berlin-Gesellschaften in Berlin statt.OZ sprach mit Prof. Lucas Flöther, Sachwalter der Air Berlin Gruppe. Der Jurist gehört mit mehr als 1000 Fällen zu den erfahrensten Insolvenzverwaltern bundesweit. Er führt eine Kanzlei mit 100 Mitarbeitern.

Wie ist der Stand des Verfahrens?

Lucas Flöther: Die meisten Vermögensgegenstände sind mittlerweile verwertet, auch die Beteiligungen an Luftfahrtgesellschaften – viele Kaufpreise sind schon geflossen. Jetzt sind wir dabei, die Vergangenheit aufzuarbeiten, die Buchhaltungen zu durchforsten.

Es heißt, Sie rechnen mit rund einer Million Gläubigern allein bei der Air BerlinKG. Welche Insolvenzforderungen stellen die?

Unter den Gläubigern sind viele Kunden mit Tickets, die nie abgeflogen sind, aber auch Banken und die Bundesagentur für Arbeit, die Insolvenzgeld gezahlt hat. Dazu kommen Mitarbeiter, Reisebüros, Menschen mit Gutscheinen, Anleihe-Gläubiger.

Über welche Summen sprechen wir?

Die Gesamtverbindlichkeiten liegen im Milliarden-Bereich. 

Alle Gläubiger – weltweit – sollen ihre Forderungen an ein Postfach in Rostock senden. Warum ausgerechnet hierher?

Wir haben hier einen auf solche Großverfahren spezialisierten Dienstleister, der leistet Vorarbeiten – das sind ja viele tausend Sendungen. Die Forderungen werden eingescannt und dann mit der Buchhaltung abgeglichen.

Das hört sich nach viel Papierkrieg an – bis wann muss man seine Forderungen einreichen?

Bis Anfang Februar.

Und wann könnte Geld an die Gläubiger fließen?

In der Regel erst am Ende des Verfahrens, wenn alle Messegegenstände verwertet sind. Das kann bei einer Insolvenz dieser Größenordnung bis zu zehn Jahre dauern. Große Hoffnungen kann ich den Gläubigern aber nicht machen.

Der Bund hatte über die staatliche Förderbank KfW einen 150-Millionen-Euro-Überbrückungskredit für die insolvente Air Berlin ausgereicht. Kann der Kredit vollständig zurückgezahlt werden?

Das ist noch unklar – wahrscheinlich kann die KfW nicht vollständig befriedigt werden. Eine Rolle spielt dabei, dass die Insolvenz von Niki nicht verhindert werden konnte. (Ein Großteil der Summe hätte mit der Lufthansa-Übernahme in Höhe von 210 Millionen Euro getilgt werden sollen. Diese platzte jedoch: Wegen Bedenken der EU-Wettbewerbsaufsicht zog die Lufthansa ihr Angebot für den Kauf der Air-Berlin-Tochter Fly Niki zurück. Niki meldete daraufhin Insolvenz an, d. Red.). Jetzt kommt es auf die Frage an, ob es möglich ist, Ansprüche gegen den Air-Berlin-Aktionär Etihad geltend zu machen. Das klären wir gerade.

Was passiert bei den Gläubigerversammlungen heute und morgen in Berlin?

Wir werden die Gläubiger über die Ursachen der Insolvenz, den aktuellen Stand des Verfahrens und die weiteren Schritte im Verfahren unterrichten. Und dann geht es natürlich darum, ob und welche Erlöse die Gläubiger zu erwarten haben.