Die Existenzangst geht um

| Viele kommen mit gesenkten Köpfen durch die Drehtür, eine Frau hat Tränen in den Augen. Zum Ende der Frühschicht beim traditionsreichen Sangerhäuser Fahrradhersteller Mifa kann man die Zukunftsangst der Mitarbeiter am Montagnachmittag fast mit den Händen greifen. Andere sind von der Werksleitung bereits am Vormittag nach Hause geschickt worden, die Produktion ruht offenbar schon.
Viele der rund 600 Mifa-Leute haben nur aus dem Radio erfahren, dass das börsennotierte Unternehmen Insolvenz angemeldet hat. Die meisten wollen sich nicht dazu äußern. Einzelne sprechen dann doch. Ein Schlosser sagt drastisch: „Die Stimmung im Werk ist nun richtig im Arsch.“ Viele Kollegen wüssten nicht mehr, wie es weiter gehe. Er habe eine Familie zu ernähren, wie die anderen auch. „Das Schlimmste ist die Ungewissheit“, sagt er. „Wir können nur abwarten, was passiert.“

Dagmar Enke, die Betriebsratsvorsitzende der Mifa AG, sagt: „Die Entscheidung der Geschäftsführung hat die Mitarbeiter wie ein Schlag getroffen.“ Die Leute hätten nach der Ankündigung, dass der indische Investor Hero einsteigt, gerade wieder Zuversicht gewonnen gehabt.

Andere glauben trotz des offensichtlich geplatzten Geschäfts mit Hero fest daran, dass es „schon irgendwie weitergehen wird“. So ein Werk wie die Mifa könne man nicht einfach den Bach runter gehen lassen, sagt ein Mann, der seinen Namen ebenfalls nicht in der Zeitung lesen will. Er habe noch Hoffnung für das Fahrradwerk.
Dass die Arbeitsplätze erhalten werden, darauf setzt auch Sangerhausens Oberbürgermeister Ralf Poschmann (CDU), den die MZ auf der Rückfahrt aus der polnischen Partnerstadt Zabrze per Telefon erreicht. Poschmann, der stellvertretender Aufsichtsratschef der Mifa ist, unterstützt die vom Unternehmen beantragte Insolvenz in Eigenverwaltung. So könne es vielleicht gelingen, einen neuen Investor zu finden und die Jobs in der Kreisstadt zu retten. Immerhin sind 600 Industriearbeitsplätze für Sangerhausen keine Kleinigkeit. Der Fahrradhersteller ist bislang der wichtigste Gewerbesteuerzahler der Kreisstadt.
Die Industriegewerkschaft Metall (IG) verweist auf „immense Managementfehler in der Vergangenheit“, vor deren Ergebnis man nun stehe. „Wir werden uns dafür stark machen, dass die Auswirkungen nicht auf die Schultern der Beschäftigten abgeschoben werden“, so Almut Kapper-Leibe, 1. Bevollmächtigte der IG-Metall Halle-Dessau. Eine Insolvenz eröffne auch die Chance, strukturelle Probleme anzugehen. Sie könne einen Neuanfang bedeuten, „wenn die Beschäftigten dabei einbezogen werden“. Die Gewerkschaft werde der Geschäftsführung deutlich machen, dass sie um die Arbeitsplätze kämpfe. „Die Mitarbeiter haben in der Vergangenheit stets verzichtet und dennoch ihre volle Arbeitskraft in die Mifa gesteckt“, so Kapper-Leibe in Anspielung auf die niedrigen Löhne, die die Mifa zahlt. „Nun muss man mit den Mitarbeitern gemeinsam Lösungen finden.“

Der Sangerhäuser Landtagsabgeordnete André Schröder, der auch Fraktionschef der CDU im Landtag ist, setzt ebenfalls auf einen Erhalt des Standorts: „Die Möglichkeiten des Insolvenzrechtes und das Potenzial in Sangerhausen ermöglichen immer noch eine Rettung der Fahrradproduktion.“ Es komme jetzt darauf an, das beantragte Modell im Insolvenzrecht dafür zu nutzen, offensiv Investoren zu finden.
Die Linkspartei verweist in einer Pressemitteilung darauf, dass die allererste Pflicht jetzt darin bestehe, den Beschäftigten zu helfen und ihnen die Sorge um die Zukunft zu nehmen. „Dazu könnten Auffanggesellschaften beitragen, aber auch schnelle Hilfe bei der Vermittlung von eventuell Entlassenen in neue Beschäftigungsfelder kann hilfreich sein“, so der wirtschaftspolitische Sprecher der Landtagsfraktion, Frank Thiel. Viele Mifa-Beschäftigte hätten nur Zeitarbeitsverträge oder seien bei Leiharbeitsfirmen beschäftigt.
Deshalb fordern die Linkssozialisten, dass die Unternehmensführung und die Eigentümer der Mifa dazu bewegt werden, schnellstmöglich ein Sanierungskonzept für den Traditionsbetrieb vorzulegen.
Der Betriebsrat der Mifa hat für Montag nächster Woche, 6. Oktober, ab 11 Uhr, zu einer Betriebsversammlung in die Aula des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Sangerhausen eingeladen. Dort will er den Mitarbeitern seine Sicht der Dinge darlegen.