Insolvenzrechtstag in Berlin Wie viele Pleiten gibt es in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen?

| Berlin - In Deutschland gehen jeden Tag Firmen pleite. Die Liste ist lang und meist nimmt davon kaum jemand Notiz. Nur besonders große Fälle kommen in die Schlagzeilen, wie zuletzt der Baumarkt Praktiker, der Weltbild-Verlag oder der Fernseh-Hersteller Löwe. Die meisten Insolvenzen aber finden kaum Beachtung. Und das liegt auch daran, dass überdurchschnittlich viele kleine Betriebe zahlungsunfähig werden. Dabei muss eine Insolvenz nicht zwangsläufig das Aus bedeuten, es kann auch den Weg für einen Neustart freimachen. Damit beschäftigt sich der sogenannte Insolvenz-Rechtstag, der heute in Berlin beginnt. Wie sich die Situation in Mitteldeutschland darstellt, beschreibt unsere Reporterin.

Retten was zu retten ist – das ist die Aufgabe von Insolvenzverwalter Lucas Flöther aus Halle. Die Liste mitteldeutscher Firmenpleiten, bei denen er eingesetzt wurde ist lang: der Leipziger Löwenbäcker, Agenda-Glas in Gardelegen, Sovello in Thalheim und jüngst die Feinkostkette Gourmétage.
Nicht selten gibt es eine zweite Chance
Manche Fälle bleiben ihm besonders im Gedächtnis. So wurde er vor ein paar Jahren zum Jahreswechsel in ein großes Maschinenbauunternehmen nach Sachsen-Anhalt gerufen. Dort drohte bereits die Stromabschaltung. "Mit der Folge, dass riesige Schäden im Unternehmen entstehen können, wenn der Strom unvermittelt abgestellt wird. Und ich habe dann meinen Winterurlaub abgebrochen und bin zu dem Unternehmen geeilt. Und wir haben sofort mit den Arbeitnehmern und der Geschäftsführung gesprochen. Und dann Gott sei dank erreicht, dass die Strom und Gaszufuhr nicht gekappt wurde, sondern wir weiter arbeiten konnten." Doch die Belegschaft musste er erst überzeugen. Denn die Löhne wurden zuletzt nicht mehr gezahlt. Außerdem musste er den Arbeitern reinen Wein einschenken - einige würden ihren Arbeitsplatz verlieren. Doch wenn sie weiter arbeiten, gäbe es eine Chance für das Unternehmen. Lucas Flöther gelang es, den Betrieb zu stabilisieren. Am Ende fand sich ein Investor, der auch einen Teil der Belegschaft übernahm. Auch für den Firmeninhaber kann die Insolvenz eine zweite Chance sein. "Indem er sich zum Beispiel von langfristigen Mietverträgen, Leasingverträgen trennen kann, was er ohne Insolvenzverfahren gar nicht tun könnte oder nur mit einer erheblichen Kostenbelastung."
Sehr oft sind Minifirmen betroffen
Im vergangenen Jahr gab es in Sachsen über 1.200 Unternehmensinsolvenzen, in Thüringen über 400. In beiden Ländern gingen die Firmenpleiten im Vergleich zum Vorjahr zurück. In Sachsen-Anhalt dagegen stiegen sie leicht an auf über 700 Insolvenzen. Doch dieser Anstieg wird nicht als problematisch eingestuft, denn es sind deutlich weniger Arbeitnehmer betroffen. 2012 als große Solarunternehmen in Insolvenz gingen, verloren 5.000 ihren Job. Im vergangen Jahr waren es in Sachsen-Anhalt nur noch 2.300. Es waren vor allem kleine Unternehmen betroffen, sagt Danny Bieräugel von der IHK Halle Dessau: "Fast zwei Drittel sind Unternehmen mit keinem oder nur einem Beschäftigten. Und es sind tendenziell auch eher die jüngeren, also über die Hälfte ist unter acht Jahren am Markt." Hier sei oft die Eigenkapitaldecke zu dünn, um auch konjunkturelle Schwankungen zu überstehen.
Nicht zwingend ein Makel
Doch was passiert mit einem Unternehmer, der eine Firma in den Sand gesetzt hat? Früher war ein Konkurs ein Makel, von dem man sich oft nicht lösen konnte, sagt Lucas Flöther. Doch das sei heute anders. "Schauen sie sich mal als Beispiel ein Verfahren an, was wir betreut haben - Mäc Geiz. Heute gibt es das Unternehmen weiterhin am Markt und ich glaube sogar sehr erfolgreich und dort werden heute viele Mitarbeiter beschäftigt. Die sind also gestärkt aus dem Verfahren herausgegangen." Doch manchmal schafft es Lucas Flöther nicht, ein Unternehmen zu retten. Beim Photovoltaikhersteller Sovello war es zu spät. Die Firma wurde zerschlagen.