Mifa geht die Luft aus

| 29.09.2014/Sangerhausen - Die wirtschaftliche Lage des angeschlagenen Fahrrad-Herstellers Mifa AG hat sich dramatisch zugespitzt: Wegen einer geplatzten Vereinbarung mit dem indischen Investor Hero Cycles hat Deutschlands absatzstärkster Fahrradbauer am Montag Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet, teilten die Mitteldeutschen Fahrradwerke (Mifa) aus Sangerhausen mit. Das laufende Geschäft bleibe davon unberührt und werde wie geplant fortgesetzt.
Die Aktionäre des Unternehmens reagierten prompt. Die einst bei knapp sieben Euro notierende Mifa-Aktie verlor bis zum Abend mehr als 30 Prozent und rutschte unter 75 Cent. Großaktionär bei der Mifa ist AWD-Gründer Carsten Maschmeyer.
Das Management will nun in Eigenregie die Sanierung des Unternehmens mit aktuell 600 Mitarbeitern fortsetzen. „Wir sind grundsätzlich in der Lage, unsere gut gefüllten Auftragsbücher wie geplant zu bedienen“, teilte Vorstand Stefan Weniger mit. Zum vorläufigen Sachverwalter wurde vom Amtsgericht Halle der hallesche Rechtsanwalt Lucas Flöther ernannt.
Die Insolvenzanmeldung kommt zum jetzigen Zeitpunkt überraschend. Erst Ende August hatten sich die Sangerhäuser mit den Gläubigern über einen Schuldenschnitt geeinigt. Der indische Fahrradriese Hero sollte im Gegenzug 15 Millionen Euro frisches Kapital in die Firma einbringen und damit die Mehrheit übernehmen. „Trotz intensiver Verhandlungen mit den Verantwortlichen von Hero ist es bislang nicht gelungen, bei einem wesentlichen Bestandteil der Vereinbarung zu einer abschließenden Lösung zu gelangen“, sagte Mifa-Vorstand Weniger nun. Der Deal scheiterte nach Angaben des Unternehmens an einer nicht eingehaltenen Finanzierungszusage. In Eignerkreisen hieß es, Mifa sei auch nach mehr als ein Jahr andauernden Gesprächen entgegen anderslautender Zusagen kein Geld aus Indien zugeflossen.

Nach MZ-Informationen sollte Hero dabei helfen, die kurzfristige Finanzierung zu sichern. Wie alle deutschen Fahrrad-Hersteller sammelt Mifa bis spätestens Herbst die Aufträge für die kommende Frühjahrssaison ein. Zum Bau der Räder muss das Unternehmen das Material vorfinanzieren. Diese Millionen Euro fehlen derzeit offenbar.
Durch die beantragte Insolvenz sind die Löhne der Beschäftigten zunächst durch die Arbeitsagentur für die kommenden drei Monate gesichert. Dies verschafft dem Unternehmen etwas finanzielle Luft. Vorstand Weniger wird nun umgehend „einen Verkaufsprozess in die Wege leiten.“ Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Hartmut Möllring (CDU) sicherte dem Unternehmen Hilfe bei der Suche nach neuen Investoren zu. Er habe die Hoffnung, dass der Standort und die Arbeitsplätze erhalten blieben.
Für die Mitarbeiter sei die Nachricht über die Insolvenz ein Schlag gewesen, sagte Almut Kapper-Leibe, 1. Bevollmächtigte der IG Metall Halle-Dessau, der MZ. Am Montag habe die Produktion im Werk geruht, sie soll aber am Dienstag planmäßig fortgeführt werden. „Die Insolvenz kann auch eine Chance sein, die strukturellen Probleme endlich anzugehen und eine Neuausrichtung zu beschleunigen“, so Kapper-Leibe. Wichtig sei, dass die Beschäftigten aktiv in den Prozess mit eingebunden werden.

Ende März 2014 hatte Mifa bereits Mitarbeiter, Aktionäre und Kunden mit der Mitteilung geschockt, dass die Bilanzen der Firma fehlerhaft seien. Gegen den früheren Alleinvorstand und Großaktionär Peter Wicht ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft. Nach Korrektur der Bilanzen verbuchte Mifa im vergangenen Jahr einen Verlust von 13,2 Millionen Euro bei einem Umsatz von knapp 111 Millionen Euro. Der Landkreis Mansfeld-Südharz kaufte der Firma im April ein Betriebsgrundstück für 5,7 Millionen Euro ab. Schon damals stand Mifa nach MZ-Informationen kurz vor der Zahlungsunfähigkeit.