Verwalter im Visier
Der Verband fordert eine Berufsordnung und eine
Kammer. Doch die Zunft ist uneins.

| Das Stigma des Versagens beseitigen, redlichen Firmenlenkern einen Neuanfang ermöglichen, finanziell angeschlagene, aber lebensfähige Unternehmen frühzeitig restrukturieren – Brüssel will eine neue Sanierungskultur in Europa schaffen. Das heißt auch, dass Insolvenzen nach Möglichkeit verhindert werden sollen. Sanierungsexperten wunderten sich deshalb, als der betreffende Richtlinienentwurf der EU-Kommission plötzlich Mindestnormen für die Bestellung von Insolvenzverwaltern verlangte und „wirksame Aufsichtsmechanismen“ für die Zunft forderte.

Ist das Zündstoff für Deutschland? Erfährt nun die Forderung nach einer Berufsordnung und Kammer für Insolvenzverwalter eine Renaissance? Denn bislang regelt die Insolvenzordnung nur vage, dass „eine für den jeweiligen Einzelfall geeignete, insbesondere geschäftskundige und von den Gläubigern und dem Schuldner unabhängige natürliche Person“ zu bestellen sei. Das könne auch ein Friseur sein, lautet ein üblicher Spottspruch. Wer ein Mandat bekommt, entscheidet ein Richter des zuständigen Amtsgerichts. Ausgewählt werden meist Rechtsanwälte, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer oder Betriebswirte.

Nach zwei Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts von 2004 und 2006 war schon einmal eine Debatte über eine Berufsordnung für Verwalter entbrannt. Karlsruhe hatte seinerzeit eine „eigenständige“ Berufsausübung gesehen.

„Es wäre ein schöner Nebeneffekt der aktuellen Brüsseler Bestrebungen, wenn nun endlich eine gesetzlich verankerte Berufsordnung für Insolvenzverwalter geschaffen würde“, sagte der Vorsitzende des Verbandes der Insolvenzverwalter (VID), Christoph Niering, dem Handelsblatt. Nötig sei eine Insolvenz - verwalterkammer, ähnlich etwa der Bundesrechtsanwalts- oder Wirtschaftsprüfer - kammer. Auch eine Zulassungsprüfung zum Beruf müsse es geben. Natürlich fürchteten andere Kammern um ihre Beiträge und einige in der Zunft eine weitere Kammerpflicht. „Aber im gesetzlich nicht ausreichend geregelten Umfeld das Vermögen fremder Menschen, nämlich das der Gläubiger, zu verwalten, das darf nicht sein“, betonte Niering. Immerhin wären Kammern Selbstverwaltungsgremien. Das sei besser als die bislang sehr unterschiedlich ausfallende Kontrolle der Insolvenzverwalter durch die Richter. „Ich erwarte vom nächsten Bundesjustizminister, dass er gesetzliche Regelungen auf den Weg bringt“, forderte der VID-Vorsitzende.

Tatsächlich ist die deutsche Insolvenzszene unübersichtlich. Im vergangenen Jahr wurden für Personen- und Kapitalgesellschaften insgesamt fast 2 000 Insolvenzverwalter bestellt, bei rund 20 000 Verfahren. Zwar geht es nicht immer um viel Masse. Ein neues Ranking des Branchendienstes Indat zeigt jedoch, dass einzelne Kanzleien durchaus „systemrelevante“ Beträge verwalten (siehe Tabelle). So kommt der Spitzenreiter auf fast zwei Milliarden Euro, bezogen auf die zuletzt ver - öffentlichten Umsätze der nun verwalteten Gesellschaften. Also doch besser eine Professionalisierung des Verwalterberufs?

„Schwarze Schafe und Missbrauchsfälle kann auch eine Kammer nicht verhindern“, meint Lucas Flöther, Sprecher des Gravenbrucher Kreises, in dem die führenden Insolvenzverwalter Deutschlands zusammengeschlossen sind. Es sei ausreichend, dass die formale Aufsicht über die Verwalter bei den Gerichten und die inhaltliche Aufsicht bei den Gläubigern liege, sofern Letztere ihre Rechte auch wirklich wahrnähmen. Flöther verweist zudem auf bereits existierende Verhaltenskodizes und Gütesiegel der Zunft: „In großen Verwalterbüros gilt zum Beispiel, ähnlich wie bei Banken, ein Mehr- Augen-Prinzip bei der Überweisung größerer Summen.“ Auch der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Insolvenzrecht und Sanierung im Deutschen Anwaltverein (DAV), Jörn Weitzmann, sieht keinen Bedarf für eine Berufsordnung oder Kammer. Er plädiert für Transparenz in den Verfahren, unabhängige Verwalter und unparteiliche Gerichte. „Der Insolvenzverwalter haftet bei Pflichtverstößen persönlich“, erklärte Weitzmann. „Das ist viel wirksamer als jede Rüge oder der Ausschluss aus der Kammer.“

Das Bundesjustizministerium hält sich noch zurück. Es bedürfe bei den EU-Bestimmungen zu den Insolvenzverwaltern „noch einer Klärung von Inhalt und Reichweite“, bevor Konsequenzen für die nationale Ausgestaltung gezogen werden könnten, hieß es auf Anfrage.

Tatsächlich steht die Branche der Insolvenzverwalter ohnehin vor einem Umbruch. Nicht nur durch die geplante EURichtlinie zum vorinsolvenzlichen Restrukturierungsverfahren, sondern längst auch mit dem hierzulande seit 2012 geltenden Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen (ESUG) rückt die „Prävention“ in den Fokus, also das frühzeitige Eruieren und Aushandeln von Restrukturierungsmöglichkeiten. Traditionelle Verwalter müssen sich also zu Sanierungsdienstleistern wandeln und tun dies bereits. „Der Beruf des ‚Nur‘-Insolvenzverwalters ist tot“, sagt denn auch Frank Frind, Vorstandsmitglied im Bundesarbeitskreis Insolvenzgerichte. Schon jetzt liege der Umsatzschwerpunkt vieler Insolvenzverwaltungskanzleien bei der Beratung. „Wozu also“, fragt Frind, „brauchen wir eine Berufsordnung für eine Tätigkeit, die gerade zum Auslaufmodell wird?“

Top 10 der deutschen Insolvenz-Kanzleien
Umsätze* in Mio. Euro

Top 10 der deutschen Insolvenz-Kanzleien
Umsätze* in Mio. Euro
Rang Kanzlei Umsätze Verfahren Verwalter 
1 Kebekus & Zimmermann 1.926 Mio. Euro  57 4
2 Flöther & Wissing 1.132 Mio. Euro  88 8
3 BRL Boege Rohde Luebbehuesen 350 Mio. Euro 66 4
4 HRM Henneke Röpke 249 Mio. Euro 29 3
5 Grub Brugger Partnerschaft 193 Mio. Euro 19 3
6 Willmer Köster 176 Mio. Euro 50 2
7 ATN D'Avoine Teubier Neu Rechtsanwälte 173 Mio. Euro 45 3
8 Michels Vorast Insolvenzverwaltung 114 Mio. Euro 37 2
9 Bremen Rechtsanwälte 68 Mio. Euro 20 1
10 Schmidt-Jortzig Petersen Penzlin 57 Mio. Euro 19 1

* Vor der Insolvenz zuletzt veröffentlichte Umsätze der nun verwalteten Personen- und Kapitalgesellschaften.