Viele Fragen und eine Menge Drohungen

| Trotz der exklusiven Gespräche mit Lufthansa und Easyjet – noch sind andere Bieter nicht endgültig aus dem Rennen.

Auch wenn eine Vorentscheidung getroffen ist – das Rennen um die wertvollsten Teile der insolventen Air Berlin ist noch nicht entschieden. „Der Beschluss des Gläubigerausschusses bedeutet nicht, dass bis zum Abschluss der Verhandlungen nicht noch ein anderer Bieter Lufthansa oder Easyjet links überholen kann“, ist sowohl aus dem Unternehmenskreis als auch aus Gläubigerkreisen zu hören.

Branchenkenner werten solche Aussagen unter anderem als Signal an die IAG. Die Holding von British Airways und Iberia hatte ein Angebot vorgelegt, das Insidern zufolge als ernste Konkurrenz zu dem von Lufthansa angesehen werden kann. Deshalb hat es in Luftfahrtkreisen für Verwunderung gesorgt, dass die IAG bei den weiteren Verhandlungen über den Verkauf von Air Berlin offensichtlich keine Rolle mehr spielen soll. Doch offensichtlich hoffen der Sachwalter Lucas Flöther und der Generalbevollmächtigte Frank Kebekus noch auf Nachbesserungen bei dem einen oder anderen Angebot. „Es ist noch gar nichts entschieden“, ist auch aus dem Umfeld von Lufthansa zu hören.

Der Gläubigerausschuss von Air Berlin hatte am vergangenen Donnerstagabend den Sachwalter beauftragt, bis Mitte Oktober bevorzugt mit Lufthansa und Easyjet zu verhandeln. Diese Entscheidung sei von allen Beteiligten einvernehmlich getroffen worden, heißt es im Kreis der Gläubiger. „In Bezug auf den Kaufpreis, die Umsetzbarkeit, aber auch kartellrechtliche Überlegungen sind Lufthansa und Easyjet vorn“, sagte ein Insider. Aber ebenso die Thomas-Cook-Tochter Condor sei noch nicht aus dem Rennen. 

Hoffnung darf sich auch das Berliner Logistikunternehmen Zeitfracht machen. Das Unternehmen hatte für den Logistikdienstleister und die Wartungstochter Air Berlin Technik geboten. Allerdings sei für einen Erfolg notwendig, dass Zeitfracht einen ordentlichen Preise biete. Das sei bislang noch nicht der Fall, heißt es.

In einer internen Mitarbeiterinformation verteidigte das Management von Zeitfracht die eigene Offerte. „Wir haben die Daten, die uns zur Verfügung gestellt wurden, gut vorbereitet und sehr strukturiert und fokussiert analysiert. Auf dieser Grundlage haben wir ein sehr faires Angebot abgegeben“, heißt es dort. Man setze aber auf weitere Gespräche. 

350 Millionen Euro Erlös

Sachwalter Flöther will zunächst die großen Airline-Teile verkaufen, dann soll über die Technik und andere Unternehmensteile verhandelt werden. Insgesamt hofft Flöther wohl, mindestens 350 Millionen Euro erlösen zu können. Damit könnte der Überbrückungskredit der Bundesregierung über 150 Millionen Euro zurückgezahlt werden. Schon über das Wochenende wurden Gespräche mit Lufthansa und Easyjet geführt. So soll der deutsche Marktführer nach Angaben aus Verhandlungskreisen 200 Millionen Euro direkt geboten haben und bereit sein, bis zu 100 Millionen Euro Betriebskosten in der Übergangszeit zu übernehmen.

Am Montag diskutiert der Verwaltungsrat der Airline die Vorschläge des Gläubigerausschusses. Doch das gilt intern als Formalie, denn die Entscheidungen treffen bei einer Insolvenz die Gläubiger. Nach der Sitzung des „Boards“ will Air Berlin die Öffentlichkeit über weitere Details informieren. 

Fast schon vernichtend urteilten sowohl Gläubiger als auch Sachwalter und Generalbevollmächtigter über die Angebote der beiden Unternehmer Utz Claassen und Hans Rudolf Wöhrl. Die seien hinsichtlich des Kaufpreises „Lichtjahre von den anderen Geboten entfernt“, ist zu hören. Sowohl Claassen als auch Wöhrl wollen Air Berlin als Ganzes erhalten. Den Gläubigern ist allerdings unklar, wie die beiden Bieter das Unterfangen finanzieren wollten.

Die Unterlegenen wollen das allerdings nicht ohne Gegenwehr hinnehmen. „Was hier abläuft, ist ein Skandal. Mit der Entscheidung würde das Monopol der Lufthansa verfestigt“, sagte Wöhrl dem Handelsblatt: „Verlierer sind die Tausenden Mitarbeiter, die ihre Jobs verlieren werden. Und die Passagiere. Die Preise werden steigen, das Angebot wird schlechter.“ 

Er sei zwar kein „Klagehansel“, der gerne vor die Gerichte ziehe, sagte Wöhrl weiter: „Ich werde mir aber sehr genau anschauen, wie denn die Absage an uns begründet ist und mir weitere Schritte vorbehalten.“ Auch Utz Claassen prüft Insidern zufolge eine Klage. Beteiligte des Bieterverfahrens hatten bereits die forschen Formulierungen seines Angebotes als juristische Drohung verstanden.

Zornig auf die Politik

Wöhrl betonte, dass er keine Vorwürfe gegen Lufthansa und deren Chef Carsten Spohr erhebe: „Herr Spohr hat alles richtig gemacht. Man sollte Lufthansa-Aktien kaufen.“ Sein Zorn richte sich gegen die Bundesregierung, insbesondere gegen CSU-Verkehrsminister Alexander Dobrindt und Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD).

Beide hatten sich mehrfach für ei-nen Zuschlag an Lufthansa ausgesprochen. Der Unternehmer Wöhrl hatte vor Jahren die Fluggesellschaften dba und LTU übernommen und nach einiger Zeit an Air Berlin verkauft. Auch der ehemalige Rennfahrer Niki Lauda zeigte sich über das Vorgehen bei der Zerschlagung von Air Berlin empört (siehe Interview auf dieser Seite).

Lufthansa hatte erklärt, neben den bereits von Air Berlin gemieteten 38 Flugzeugen weitere 20 bis 40 Maschinen haben zu wollen. Zudem will man bis zu 3 000 Mitarbeiter übernehmen. Dem Vernehmen nach interessiert sich Lufthansa vor allem für die österreichische Niki, die Ferienflugtochter von Air Berlin. Bei Easyjet geht es wohl um Flugzeuge am Standort Berlin sowie einige Verbindungen an Flughäfen wie Hamburg, München oder Düsseldorf.