Neuer Strom gibt neue Hoffnung

| 03.01.2012 | Dessau: Punkt 11 Uhr war es noch still und dunkel in den Werkhallen der AD Steel Forge GmbH im Dessauer Kabelweg. Die Anwälte verhandelten noch intensiv über die Wiederaufnahme der Stromlieferung. “Es kann noch etwas dauern”, erklärte der Magdeburger Rechtsanwalt Lucas Flöther die Verzögerung. Erst am späten Nachmittag stand ein Durchbruch. 15.30 Uhr fuhr ein Service-Fahrzeug der Dessauer Stadtwerke auf das Firmengelände. Punkt 16.15 Uhr lag wieder Strom an, war Flöther zuversichtlich. “Durch das zügige und kooperative Handeln aller Beteiligten”, sagte Flöther, “besteht die wieder begründete Hoffnung, die Arbeitsplätze in der Region zu erhalten.”

Vertrauensbildende Maßnahmen
Flöther war am Vormittag vom Amtsgericht Dessau-Roßlau offiziell als vorläufiger Insolvenzverwalter eingesetzt worden – und verhandelte den ganzen Tag an vielen Fronten. “Unsere größte Sorge ist derzeit, dass vielleicht die Kunden abspringen”, bemühte sich der Rechtsanwalt um vertrauensbildende Maßnahmen bei allen Beteiligten, um Material beschaffen und vorhalten zu können und um die durchaus vorhandenen Aufträge auch zu erfüllen.

Die Aufarbeitung der Insolvenz selbst ist schwierig – und erst einmal nicht vorrangige Aufgaben. “Wichtig ist, dass wir jetzt die nächsten Wochen überleben”, sagte Flöther, der noch immer dabei ist, sich einen Überblick über das Firmengeflecht auf dem Gelände am Kabelweg zu verschaffen. “Ohne Strom sind wir an viele Unterlagen nicht herangekommen”, sagte Flöther. “Vieles ist noch unklar.”

Die Außenstände bei den Dessauer Stadtwerke bezifferte der Rechtsanwalt auf etwa eine Millionen Euro. Das Unternehmen hatte bislang von einem hohen sechsstelligen Betrag gesprochen. Dazu kommen, so Flöther, “massive Forderungen von verschiedenen Banken”. Nach MZ-Informationen hatte die Hypo Alpe Adria, das sechstgrößte Geldhaus Österreichs mit Sitz in Dessaus Partnerstadt Klagenfurt, Ende des Jahres die Kredite der AD Steel Forge AG Ende fällig gestellt – und damit den Insolvenzantrag am 30. Dezember ausgelöst. Als Dessaus Stadtwerke vom Schritt der Österreicher erfuhren, wurden Strom und Gas sofort abgestellt. “Es war in diesem Moment abzusehen, dass die Rechnungen nicht mehr bezahlt werden”, begründete Stadtwerke-Chef Hans Tobler diesen Schritt. Über Silvester ruhte der Betrieb nicht nur bei der AD Steel Forge.

Für die Wiederaufnahme der Stromlieferung hatten die Stadtwerke Vorkasse-Zahlungen. Woher das Geld plötzlich kam? Flöther sprach von Außenständen von Kunden und erwirtschafteten Forderungen, aber auch von Zahlungen anderer Firmen aus dem AD-Geflecht, die ebenfalls Strom bezogen hatten – über die Mittelspannungsstation der AD Steel Forge.

Schwieriges Gesamtkonstrukt
“Das ist ein Gesamtkonstrukt, das ich erst noch erkunden muss”, gab Flöther zu. “Es existiert derzeit keine Vertragslage”, gab der Anwalt zu. “Ich bin noch dabei, mir Schriftstücke und Notarverträge zu beschaffen. Vor allem der Verkauf der AD Steel Forge und das Auftauchen der neuen Geschäftsführer im September vorigen Jahres hat manche Fragezeichen hinterlassen. Bei einer Wirtschaftsauskunftei waren in dieser Woche immer noch einige alte Firmen mit bekannten Namen als Gesellschafter verzeichnet. Ein Fakt, den Flöther nicht bewerten wollte. “Ich kann nichts ausschließen. Doch manchmal wird so etwas auch erst verzögert eingetragen.”

Für die Mitarbeiter der AD-Group war der Dienstag eine weitere Hängepartie. “Uns bleibt nur das Abwarten”, sagte Betriebsratschef Peter Arnold. Nach Angaben von Flöther sind 148 Kollegen direkt bei der AD Steel Forge beschäftigt. Die hatten zuletzt ihre Löhne für den November erhalten. Durch das Arbeitnehmern zustehende Insolvenzgeld sind die Lohn- und Gehaltszahlungen für die nächsten drei Monate bis Februar gesichert. Informationen dazu gibt es am Mittwoch, 17 Uhr, auf einer zweiten Belegschaftsversammlung.